Die Sage von Nappian und Neucke

Es begab sich im Jahr 1199, dass zwei gute Freunde – zwei sehr gute Freunde – namens Nappian und Neucke als Bergleute bei Goslar arbeiteten.

Die Arbeit war hart, das Leben ebenso und die Bezahlung war schlecht. Also machten sich Nappian und Neucke auf, um anderswo ihr Glück zu suchen.

Sie wanderten ostwärts durch den Harz und hielten Ausschau nach Siedlungen, in denen ihre Dienste als Bergleute gefragt waren. So kamen Sie auch in die Nähe von Hettstedt, einer kleinen Siedlung, die Jahre zuvor von einem Heer überrannt wurde und nun einem elenden Dasein fristete.

Da es auch hier wenig Arbeit gab, hatten sich einige Siedler der Räuberei verschrieben und so geschah es, dass Nappian und Neucke von eben zwei solchen angegriffen wurden.

Neucke wurde von einem Pfeil getroffen und fiel zu Boden. Nappian, der kräftigere der beiden erhob seinen Knotenstock gegen einen der anstürmenden Räuber und streckte diesen mit einem einzigen Schlag zu Boden. Der andere Räuber hielt inne, half dem Niedergeschlagenen auf die Beine und gemeinsam flüchteten sie durch den Wald, verfolgt vom erbosten Nappian. Als die Räuber weit genug getrieben waren, kehrte Nappian zu Neucke zurück, voll Sorge, ob dieser noch am Leben sei.

Der Pfeil hatte die Schulter von Neucke getroffen, Nappian zog ihn aus seinem verletzten Freund heraus und gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach einer Unterkunft, wobei der besorgte Nappian seinen Freund Neucke brüderlich stützte.

So kamen Sie an das Haus eines Köhlers. Der Köhler selbst war nicht da, nur seine Tochter öffnete die Türe, erkannte die Not und bat Nappian und Neucke, der zusehends schwächer wurde, ins Haus. Dort reinigte sie Neuckes Wunde, versorgte sie mit heilenden Kräutern und einem Verband. Am Abend kam der Köhler aus dem Wald zurück. Er war von dem unerwarteten Besuch überrascht, aber als Nappian ihm anbot, ihm bei seinem Tagwerk zur Hand zu gehen bis Neucke wieder wohlauf war, war er einverstanden, den beiden Obdach und Kost zu gewähren.

Am nächsten Morgen in aller früh begann der Köhler, einen Meiler vorm Haus abzutragen. Nappian, der sehr wohl etwas vom Bergbau verstand, aber nicht von der Arbeit eines Köhlers, versuchte diesem so gut es ging zur Hand zu gehen.

Plötzlich fiel ihm ein warmes Stück Erz in die Hand, das im Sonnenlicht kupfern und silbern glänzte: „Das ist das, wonach wir suchen!“, rief Nappian freudig. Der Köhler erzählte, dass soetwas in der Umgebung ständig beim Roden von Bäumen mit den Wurzeln dieser aus dem Boden hervorgebracht wurde.

Nappian und Neucke

Offenbar einzige historische Abbildung von Nappian und Neucke. Nach dieser Vorlage sind zwei Konsolsteine entstanden.

Sofort riss Nappian ein kleines Bäumchen, dass in der Nähe stand, aus dem Boden. Erfreut sammelte er Erzstücke auf, die tatsächlich mit den Wurzeln zu Tage gefördert wurden und lief damit in die Köhlerhütte zu seinem Freund Neucke.

Diesem ging es bereits besser und als er die Stücke sah, die Nappian ihm hinhielt, umarmten sich beide voll Freude. Der Köhler und seine Tochter sahen sich ratlos an.

Nappian ließ sich vom Köhler etwas Proviant einpacken und machte sich mit einem großen Beutel Erz auf den Weg nach Goslar. Er versprach Neucke, so schnell wie möglich wiederzukehren.

Es gingen einige Tage und Wochen ins Land, Neucke war dank der guten Pflege der Köhlerstochter wieder vollständig gesundet, da kam sein Freund freudestrahlend wieder zurück. Nappian und Neucke fielen sich in die Arme, Neucke, weil er sich so sehr freute, dass er seinen besten Freund wiedersah und Nappian, weil er sich so sehr freute, seinem besten Freund erzählen zu können, dass das Erz in Goslar geprüft und ihm eine außerordentliche Qualität beschieden worden war.

Sofort begannen Nappian und Neucke damit, die Umgebung nach einer geeigneten Stelle für einen Stollen zu erkunden und fanden eine reiche Erzader am Fuße des Kupferberges.

Fortan bauten sie reichhaltiges Erz ab, aus dem Kupfer und Silber gewonnen wurden. Die Siedlung am Fuße des Kupferberges wuchs durch die Bergleute, die aus allen Himmelsrichtungen kamen, weil die Kunde der reichen Erzvorkommen bis zu ihnen gedrungen war.

Achja, auf dem Kupferberg wurde eine kleine Kapelle von den beiden Freunden errichtet und die erste Hochzeit, die dort oben stattfand, war die von Neucke und der Tochter des Köhlers.

So begründeten die Bergleute Nappian und Neucke den Kupferbergbau bei Hettstedt und legten damit den Grundstein für das Leben und Wirken vieler großer Persönlichkeiten in den kommenden Jahrhunderten.

Ohne Nappian und Neucke hätte es Martin Luther und auch Novalis gewiss nicht gegeben.